Gründung - Stiftung "Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden" - Gründung
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Gründung


Hände
geben und nehmen,
Hände
beten und segnen,
Ihre offenen
Hände
unterstützen, was zur Schönheit der Stadt gehört.

Ein gutes Stück Minden bewahren.





Grußwort des Bürgermeisters Michael Buhre

Festakt zur Gründung der Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini“
Freitag, 17. November 2006, 19.30 Uhr Pfarrkirche St. Martini.

Sehr geehrter Herr Pfarrer Dr. Winter,
sehr geehrter Herr Thomas,
sehr geehrter Herr Hohorst;
meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr heute Abend in der Ratskirche St. Martini sein zu dürfen. Ich freue mich umso mehr, dass es heute einen Anlass für einen Festakt in dieser fast 1000 Jahre alten Kirche gibt. Ich spreche heute Abend als Bürgermeister der Stadt Minden auch für den Kreis Minden-Lübbecke (darf in diesem Zusammenhang ganz herzlich Herrn Landrat Wilhelm Krömer begrüßen) und für alle Gemeinden des Kreises.

Meine Damen und Herren,
dieses ist ein besonderer Tag für den Kreis Minden-Lübbecke, für die Stadt Minden und die Ratskirche St. Martini. Heute wird eine Stiftung ins Leben gerufen, die als Bürgerstiftung angelegt und in dieser Form so in Minden bisher einmalig ist.

Eine Stiftung lebt von ihrem Kapital. Das – sehr  beachtliche -„Startkapital“ in Höhe von 100.000 Euro für die Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu  Minden“ haben zwei Unternehmer gestiftet, die mit Minden eng verbunden sind und sich in vielen Bereichen für die Stadt engagieren: Der Verleger des Hauses JCC Bruns, Herr Rainer Thomas, und der langjährige, allein vertretungsberechtigte Geschäftsführer der WAGO- Gruppe, Herr Wolfgang Hohorst.

Sehr geehrter Herr Thomas, sehr geehrter Herr Hohorst,
ich danke Ihnen im Namen der Stadt Minden und ihrer Bürgerinnen und Bürger sehr herzlich dafür, dass Sie mit diesem Anfangsvermögen der Stiftung maßgeblich dazu beitragen, dass „ein gutes Stück Minden“ (Slogan) erhalten bleibt! St. Martini ist auf Hilfe von außen angewiesen. Bereits der Glockenturm, der Eingangsbereich, Teile des Chors sowie die Sakristei wurden mit Hilfe von Spendengeldern saniert. Für die Restaurierung des Außenmauerwerks und des Daches fehlen allein 1,7 Millionen Euro. Ein viel zu großer Brocken für eine Kirchengemeinde, die ein sehr aktives Leben hat (hochklassige Orgelkonzerte, Mindener Tafel – nur zwei Beispiele). Auch die Mittel der Landeskirche reichen meist nur für Reparaturen. Hier waren Ideen, bürgerschaftliches Engagement und natürlich Geldgeber gefragt.

Auf den Weg gebracht wurde diese Stiftung von einem Kreis von Bürgerinnen und Bürger, die von Pfarrer Dr. Winter zusammengerufen worden sind und teilweise auch Mitglieder der Martinigemeinde sind, in einem Arbeitskreis „Fundraising“, der seit Herbst 2004 - auch unter Mitwirkung des Ersten Beigeordneten der Stadt Minden, Herr Peter Kienzle – und mit anfangs externer Beratung die Konzeption aufgestellt hat.

Ganz besonders möchte ich Herrn Pfarrer Dr. Heinrich Winter dafür danken, dass er es - mit Unterstützung des Bauvereins (Vorsitzender Otto Wilhelm Walther) sowie zahlreicher Bürgerinnen und Bürger Mindens -geschafft hat, mit dieser Stiftung einen Meilenstein für die gesicherte Zukunft des Baudenkmals St. Martini zu setzen. Denkmäler müssen – das wissen alle, die ein solches besitzen – regelmäßig saniert werden. Die letzte grundlegende Sanierung der Kirche St. Martini liegt weit mehr als 100 Jahre zurück.

Meine Damen und Herren,
im Land Nordrhein-Westfalen gibt es rund 2500 Stiftungen – mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen. Aber alle tragen einen wesentlichen Teil zur Vielfalt, zur Schönheit und zum Erhalt bedeutender Sehenswürdigkeiten des Landes bei. Stiftungen haben in Nordrhein-Westfalen eine über 1000-jährige Tradition – so alt wie die Kirche St. Martini. Auch hier fing alles mit einem Stift – eigentlich zwei Stiften, dem Kanonissenstift St. Maria und dem Augustiner Chorherrenstift St. Martin – Anfang des 11. Jahrhunderts nach Christi an. Stiftungen verschafften dem Stift damals Einnahmequellen; Schenkungen von Adeligen und Stadtbürgern der Kirche zu einer reichen Ausstattung. Stiftungen haben Geschichte.

Im frühen Mittelalter gab es nur kirchliche Stiftungen. Die Kirchenväter hatten gelehrt, dass die Christen einen Teil ihrer Güter für kirchlich-soziale Zwecke hinterlassen sollten, um damit auch für das Heil der eigenen Seele zu sorgen. Demgemäß wurden zum Beispiel im Testament Seelenmessen gestiftet, aber auch Stiftungen für die Armen, Witwen und Waisen verfügt. Ab dem 13. Jahrhundert entwickelten sich zunehmend auch weltliche Stiftungen, die unter der Aufsicht städtischer Instanzen standen. Im 19. Jahrhundert war bei den Stiftungsgründungen ein erheblicher Aufschwung zu verzeichnen und heute werden mehr und mehr Bürgerstiftungen ins Leben gerufen.

Das sind (ich zitiere hier das Innenministeriums des Landes NRW) „selbstständige Stiftungen mit lokalem oder regionalem Bezug, die von einer Vielzahl von Bürgerinnen und Bürgern mit Gründungskapital ausgestattet werden - zum Teil unterstützt von ortsverbundenen Unternehmen.
Bürgerstiftungen sind damit ein besonders gelungenes Beispiel für die Übernahme demokratischer Mitverantwortung und die Förderung bürgerschaftlichen Zusammenhalts. Sie helfen vielfach dort, wo eine Unterstützung durch die Städte und Gemeinden nur eingeschränkt möglich erscheint.“

Genau das trifft auch auf die heute gegründete Stiftung zu. Mindener Unternehmer haben mit ihrer Spende den „kapitalen Anfang“ gemacht. Bürgerinnen und Bürger sind nun aufgerufen, sich ebenfalls mit einem Betrag (gleich welcher Höhe) zu beteiligen. Ab einer Summe von 500 Euro erhalten sie einen Sitz in der Stiftungsversammlung und können somit Einfluss auf die Verwendung der Mittel nehmen. Pfarrer Dr. Winter hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: in den nächsten drei Jahren soll das Stiftungsvermögen auf 300.000 Euro anwachsen. Nächstes Ziel wären 500.000 Euro, besser noch 1 Million Euro. Denn eine Stiftung lebt allein von den Zinsen – je mehr Kapital umso mehr kann Jahr für Jahr investiert werden. Der Prozess der Sanierung wird sich somit – gehen wir weiterhin von 1,7 Millionen Euro Sanierungsbedarf aus über mehrere Jahrzehnte strecken.

Meine Damen und Herren,
diese Stiftung wird künftig von vielen Händen (das Symbol im Logo – geben und nehmen) getragen – den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt, dieses Kreises. Sie wurde bewusst so angelegt, dass Bürgerinnen und Bürger auch mitbestimmen und mitgestalten können. Rat und Verwaltung der Stadt Minden haben eine besondere Beziehung zur Pfarrkirche St. Martini. Sie ist die Ratskirche Mindens. Was macht eine Ratskirche aus? – eine Frage auf die man vielfältige Antworten geben kann. Sicher geht Dr. Nordsiek in seinem anschließenden Vortrag auch darauf ein. In jedem Fall eint diese Kirche die Religiosität, die politische Verantwortung sowie das Engagement der Ratsmitglieder/Bürger für dieses Bauwerk und das Gemeindeleben seit knapp 480 Jahren. Fest steht auch: Die Geschichte der Kirche ist ab der Reformation eng mit dem Rat und seinen Mitgliedern verbunden. So wurden die altgläubigen Stifte durch Beschluss von Rat und Gemeinde 1530 dem neuen Glauben zugeführt, der katholische Ritus wurde in der ganzen Stadt untersagt. „Rat bestimmte Kirche (in diesem Fall die Glaubensrichtung)“ zu dieser Zeit. Der Rat legte auch die St. Martinikirche als den Ort fest, von dessen Kanzel am 16. Februar 1530 Nikolaus Krage die im städtischen Auftrag verfasste Kirchenordnung zu verlesen hatte. Ehrwürdige Bürger und Ratsmitglieder stifteten heutige Kunstschätze – zum Beispiel die Taufe von 1583 (gestiftet vom damaligen Bürgermeister Thomas von Kampen). Die Nachfahrentafel der Familie Sobbe von 1610 erinnert an den Ratsherren Johann Sobbe und seine Frau Anna. Auch eine Facette von „Ratskirche“.
Und: In früheren Zeiten ist vor jeder Ratssitzung ein Gottesdienst abgehalten wurde. An diese Tradition hat die Stadt Minden vor einigen Jahren mit dem ökumenischen Gottesdienst vor dem Parlamentarischen Abend angeknüpft.

Damit bin ich wieder in der Gegenwart angekommen und möchte in Anlehnung des Namensgebers dieser Kirche, des heiligen Martin von Tours, mein Grußwort abschließen. Zuvor möchte ich aber nochmals den beiden Initialstiftern, Herrn Thomas und Herrn Hohorst, danken.

Ich danke allen, die an den Vorbereitungen dieser „Geburtsstunde“ mitgewirkt haben – allen voran Pfarrer Dr. Heinrich Winter -und ich hoffe, dass die Stiftung noch viele weitere Stifter erhält, damit ein gutes Stück Minden für alle weiteren Generationen bewahrt werden kann.

Zurück zu Martin, der den meisten durch die Legende der Mantelteilung bekannt ist und für das „Geben“ steht. Denn: Geben und Teilen bereichert oder Froh ist nur, wer geben mag. (Johann Wolfgang von Goethe)

Die Stiftung ist – wie gesagt - auf viele Geber angewiesen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!


Pfarrer Dr. H. Winter

Geistliches Wort zur Errichtung der Stiftung „ Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden“, 17. 11. 2006, 19.30 Uhr.

Sehr geehrter Herr Wolfgang Hohorst, sehr geehrter Herr Rainer Thomas ich heiße Sie zur Errichtung der Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden“ herzlich willkommen. Für den Kirchenkreis Minden darf ich den Superintendenten Herrn Jürgen Tiemann in seiner Gemeindekirche herzlich willkommen heißen. Im Namen des Presbyteriums der Evang.-Luth. St. Martinikirchengemeinde freue ich mich den Bürgermeister der Stadt Minden Herrn Michael Buhre und den Landrat Herrn Wilhelm Krömer begrüßen zu dürfen. Willkommen sehr geehrter Herr Abteilungsdirektor Michael Uhlich und sehr geehrte Frau Schönfeld in Vertretung von Frau Regierungspräsidentin Thomann-Stahl. Willkommen, sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Minden, liebe Gemeinde,

„Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. ... Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ So ist das auch mit einem geistlichen Wort, eben auch zu diesem für die Stadt Minden bedeutsamen Anlass der Errichtung der Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden“. Was wir sagen vergeht schnell und ist als wäre es nie gesagt. Und alle Güte ist wie eine Blume. Sie blüht, und die Großzügigkeit und Leistungskraft von zwei Menschen unter uns erfreut uns im Besonderen. Aber auch diese Kräfte finden ihre Grenze. Wir tun ja alles, damit die Vergänglichkeit verzögert wird, der Einsatz von Mitteln zum Erhalt dieser Kirche auf Dauer angelegt ist und für nachfolgende Generationen auch zum Anlass und zur Verpflichtung wird, sich in ähnlicherweise zu engagieren. Und dennoch darf auch dieses kostbare Tun nicht mit einem ewigen Werk verwechselt werden.

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. Dieser Kirchenraum steht mitten in einer über 1200-jährigen Stadt im Besonderen für diese Einsicht des Zweiten Propheten mit gleichem Namen Jesaja. Er lebte um 530 vor Christus. Das Wort, der er empfing, ist uns im Jesajabuch 40,8 überliefert. Am Schalldeckel der historischen Kanzel von 1608 in dieser Kirche ist dieses Prophetenwort in verkürzter Fassung, in Erinnerung an das Schlagwort der Reformation des 16. Jh.'s aufgenommen worden. „Verbum dei manet in aeternum“ - Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Menschenwerk vergeht - Gottes Werk bleibt. Das Wort Gottes, nicht seine Ausleger und deren Worte bleiben, mit dieser Klärung gegenüber einem kirchlich dominierten Wort Gottes wollte man auch in dieser Stadt die Bedeutung von Räumen benennen, für die es sich lohne Geld, Arbeit, Gaben und Kräfte einzusetzen. Im Generationenvertrag geschieht das seit Jahrhunderten von Bürgerinnen und Bürgern in dieser Stadt. Die Vergänglichkeit und die Ewigkeit werden hier miteinander ins Gespräch gebracht. Das ist der Sinn auch dieses Baudenkmals.

Wir, die Vergänglichen - ER, der Ewige. In dieser Begegnung sollen sich Illusionen und Ideologien zur Wahrheit klären oder umgekehrt soll sich Sinnzweifel in tröstende Sinnesgewißheiten wandeln. Diese Auseinandersetzung äußert sich je nach dem Zeitgeist verschieden. St. Martini stand schon für den Streit zwischen machtvoller Kirche und dem Gewissen des Einzelnen. Es gab Phasen, in denen hier um die Frömmigkeit zwischen Theologenerkenntnis und Laienglaube gerungen wurde. In der Gegenwart geht es wohl eher darum, dem allgemeingültigen Gotteszweifel mit dem Vertrauen auf Gottes Wirklichkeit zu begegnen. Natürlich ist alles noch einmal vielschichtiger.

Die Begegnung unserer Vergänglichkeit mit Gottes Ewigkeit, diese Begegnung ausgerechnet auf das Wort zu radikalisieren und zu konzentrieren, ist kühn. Nicht der feierliche Kultus, nicht die Macht von Bischofshierarchien, nicht die missionarische Energie von Persönlichkeiten schafft Unvergängliches. Ausgerechnet das vergänglichste Medium fassbarer Realität, das Wort, soll Träger ewiger Schöpferkraft sein. Schöpfung aus dem, was noch nicht ist, Belebung aus dem, was nicht lebt, Erneuerung aus dem, was veraltet ist, geschieht nach Jahrtausende währender Behauptung durch das Wort des Ewigen. Die Reformation der Kirche hat auch in Minden diese alte Menschheitserkenntnis aus Verkrustungen und Verschüttungen heben wollen und gehoben. Als wäre aber damit schon alles gelöst, was uns aus der Vorläufigkeit, ja gar dem Nichts am Ende retten könnte. Denn wir haben das Wort Gottes ja nur im menschlichen Wort und seiner Überlieferung. Wir haben das ewige Wort in seiner Entstehung auch nur zuerst in hebräischer und griechischer Sprache und können ihm meist nur in Übersetzungen begegnen. Und „Wort“ ist immer auf Deutung, bleibt auf Wortauslegung angewiesen. Ein fundamentalistischer Zugang zu diesem ewigen Wort, wie er durchaus von Religionsvertretern aller drei Buchreligionen gegenwärtig noch geschieht, ist uns in den Kirchen der Reformation eben auch nicht erst seit der Aufklärung in Europa nicht mehr möglich. Die Bilder von den Evangelisten, denen ein Engel das Wort, das sie schreiben, ins Ohr flüstert, sind allerdings schön und versuchen das Wunder ins Bild zu fassen, das wir auch an Weihnachten feiern und das vom Evangelisten Johannes so gesagt worden ist: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14) Der Kreis schließt sich und ist seit dem Augenblick gegeben, seitdem der Glaube Israels vom ewigen Wort Gottes gesprochen hat.

Die Ewigkeit bindet sich an die menschliche Vergänglichkeit und doch bleibt sie ihr gegenüber eine unverfügbare Kraft der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe. Um dieser Realitätserkenntnis willen spart auch die Stadt Minden kostbare Räume inmitten ihres städtischen Lebens aus. Menschen von weit her besuchen auch deshalb diese Stadt und staunen über die Schönheit von Dom, St. Marien, St. Martini, St. Simeonis. Diese steingewordene Erkenntnis, dass der Mensch nur im Gespräch zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit zu seiner Wahrheit kommt, wollen wir erhalten. Wir sind Glieder in einer langen Kette von Menschen. Auch wir beugen uns dem logischen Bruch, der der Begegnung mit dem Ewigen inne wohnt. Aus dem aber, was nicht logisch ist, wächst Schönheit. St. Martini ist ein Zeugnis für diese Schönheit, die auch uns aus aller Vergänglichkeit hebt. Wir sehen die Blume blühen. Heute abend dürfen wir die Güte sehen, die diese Blüte mitten in Minden am Blühen erhält.

Vielen Dank.

Rainer Derlin

Geschäftsführer des Bauvereins für die St. Martinikirche e.V.

Dankwort anlässlich der Errichtung der Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden“ am 17.11.2006.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Bauverein für die St. Martinikirche, für den ich hier spreche, hat in einer gemeinsamen Initiative mit der Kirchengemeinde St. Martini etwa 5 Jahre lang daran gearbeitet, neue Wege der Finanzierung der Bauunterhaltung für diese Kirche zu erschließen. Wir haben zunächst ein Schadenskataster durch ein Ingenieurbüro Büro erstellen lassen. Das Ergebnis war niederschmetternd: die Kosten nur für die dringend notwendige Sanierung des Außenmauerwerks und des Daches der Kirche erforderten 1,7 Mio. €.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass Sanierung und Unterhaltung des fast 1000jährigen Baudenkmals St. Martinikirche unter den gegebenen Verhältnissen nicht aus dem laufenden Haushalt der Kirchengemeinde bezahlt werden können.

Durch Spenden konnten in den letzten Jahren immerhin die Schäden am Sandsteinmauerwerk des Turms beseitigt  und die Sakristei renoviert werden. Ich möchte bei dieser Gelegenheit es nicht versäumen, 3 Großspender dankbar zu erwähnen:
Herrn Wilfried Kampa, Herrn Wilhelm Fahrenkamp und die Sparkasse Minden-Lübbecke.
Ohne sie wäre die Finanzierung des damaligen Sanierungsabschnitts nicht möglich gewesen. Ich erinnere  bei dieser Gelegenheit auch an die Bereitschaft des Presbyteriums der St. Martinigemeinde, damals zur Restfinanzierung ein Darlehn
aufzunehmen und den Kapitaldienst dem sowieso schon engen Gemeindehaushalt aufzubürden.

Heute ist es so, dass das Außenmauerwerk der Querschiffe und das Dach weiter der überfälligen Reparaturarbeiten harren.

Wir haben dann gemeinsam mit einem professionellen Fundraising -Büro ein Konzept zur Akquisition von Finanzmitteln für das Baudenkmal St. Martinikirche erarbeitet. Das wichtigste Ergebnis dieses Konzepts lautete:
die Errichtung einer Stiftung zur Erhaltung des Baudenkmals bietet auf Dauer die beste Gewähr, die notwendigen Ausbesserungen und Erneuerungen der Kirche aus den Erträgen der Stiftung mitfinanzieren zu können.

Allen Mitgliedern des Arbeitskreises Fundraising sage ich, auch im Namen  des Bauvereinsvorsitzenden, Herrn Walther, der wegen einer lange geplanten Auslandsreise heute nicht anwesend sein kann, herzlichen Dank für ihr unermüdliches Engagement. 

Sehr geehrter Herr Hohorst, sehr geehrter Herr Thomas,

ich danke Ihnen sehr, dass Sie auf Bitten des Bauvereins und der Kirchengemeinde bereit sind, sich als Gründungsstifter
für unsere neue Stiftung zur Verfügung zu stellen. Sie zeigen damit beispielgebende Verantwortung für den Erhalt der Ratskirche Mindens.

Als Ausdruck unseres Dankes für Ihre Stiftungsbereitschaft  und als Erinnerung an diesen glücklichen Tag in der Geschichte unserer ehrwürdigen St. Martinikirche überreiche ich Ihnen beiden je ein Bild der Steinskulptur des heiligen Martin von Tours, des Namenspatrons unserer Kirche, die Prof. Dreysse aus Quedlinburg im Jahre 2001 geschaffen hat und die seitdem über dem Westportal hängt.

Der Grundstein der Stiftung ist heute gelegt. Wir hoffen sehr, dass das Stiftungskapital durch Zustiftungen schnell anwachsen wird. Je größer dieses Kapital, je größer werden die Erträge sein, die die Stiftung zur Mitfinanzierung der Erhaltung und Erneuerung der St. Martinikirche ausschütten kann.

Lassen wir sie nicht zu lange warten.



Historische Betrachtung von Dr. Hans Nordsiek

anlässlich der Errichtung der Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden“ am 17.11.2006.

Rang und Bedeutung von St. Martini Minden aus historischer Sicht

Warum hat man in Dresden die Frauenkirche wieder aufgebaut, warum der Wiederaufbau der Georgenkirche in Wismar und der Jacobikirche in Stralsund?
Der Grund dafür kann nicht darin liegen, dass nach der Wende 1989 die Zahl der Kirchenmitglieder dort so sehr anstieg, dass die Schaffung weiteren Kirchenraumes notwendig geworden wäre.

In Dresden, Wismar und Stralsund hat man erkannt, dass das individuelle Gesicht der jeweiligen Stadt durch Kirchen und Kirchtürme geprägt wird. Die große Zahl der Spender zugunsten des Wiederaufbaues bestätigt die Erkenntnis, dass die Stadtkirchen für das Stadtbild historischer Städte von großer Bedeutung sind.
Für diejenigen, die sich materiell oder ideell für den Wiederaufbau, die Restaurierung und Bewahrung historischer Kirchen einsetzen, gelten die alte Erfahrung und die neue Überzeugung, dass diese Kirchen in den Städten nicht nur sakrale Räume für den Gottesdienst sind und kirchlichen Veranstaltungen dienen, sondern dass sie als Baudenkmale Stadtbild prägend sind, signifikante und identitätsstiftende Denkmale, Wegmarken für die Einwohner der Stadt und Fixpunkte für die mobile Gesellschaft im Stadtumland.

Und wir in Minden?
Der Mindener Dom war 1957 wieder aufgebaut. Diese Kirche St. Martini hat, Gott sei Dank, die kriegerischen Katastrophen des 20. Jh. relativ gut überstanden. Unsere Generation muss keine Kirchenruine in Minden wieder aufbauen, um die Identität dieser Stadt wiederherzustellen, wir müssen diese Identität für die Zukunft erhalten und das ist schon schwierig genug!

Die Mitte der Stadt und ihre historische Bebauung sind entscheidend, sie liefern das individuelle Stadtbild, Identität und Authentizität!
Die Erfahrungen mit den Ergebnissen des Wiederaufbaus der Städte nach 1945 und des "Stadtumbaus" in Deutschland zeigen in der Regel an Negativbeispielen, dass Attraktivität, Atmosphäre, Wohnwert und Urbanität einer Innenstadt durch historische Bausubstanz und kulturelle Dimensionen geschaffen werden. Kultur ist nicht Fassade oder Attrappe, sie hat Substanz. In Europa ist diese Kultur des Mittelalters und der Neuzeit nicht zuletzt durch Christentum und Kirche geprägt worden - auch in Minden!

Mit Konsum und Kommerz ist es auf Dauer nichts ohne Stadtkultur. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die "Orgelmusik zur Marktzeit" gibt es nur in der Stadtmitte, nicht auf der grünen Wiese. Auf dem Martinikirchhof liegen zwischen dem frischen Gemüse des Wochenmarktes und der Orgelmusik nur 50 Meter, und beide sind Lebensmittel!

Bisher gab es für Kirchen in Innenstädten keine Halbwertzeiten, keine Abschreibungsfristen und Verfalldaten, wie das inzwischen zunehmend für Bauten des Kommerz und der Administration der Fall ist. Damit aber die Kirchen in der Stadt weiterhin anders beurteilt und bewertet werden, sind wir aufgerufen, den Kirchenanteil der historischen Stadtmitte ins öffentliche Bewußtsein zu heben und für die Zukunft zu bewahren.

Die Existenz von Kirche in der Stadt markiert den Anfang der christlichen Kirche im Abendland. Die Pfarrkirche in de Stadt war die Mitte der Pfarrei, nach der Reformation die Mitte der Kirchengemeinde; sie umfasste alle Bürger und Einwohner der Stadt.
War die Stadt größer und bedeutender, hatte sie im Regelfall mehrere Pfarrkirchen. Minden war ein Regelfall, wie Sie an der Zahl der historischen Pfarrkirchen in der Innenstadt sehen können. Schon von Wenzel Hollar und Matthäus Merian werden auf ihren Kupferstichen des 17. Jh. im Bild der Stadt Minden zahlreiche Kirchen und Kirchtürme besonders hervorgehoben.

Nicht nur die Bürger waren ihrer Pfarrkirche verbunden, auch der Rat. In Minden war er seit 1530 oberste evangelische Kirchenbehörde für alle Kirchen, Schulen, Pfarrer und Lehrer. In allen drei lutherischen Pfarrkirchen gab es Ratsgestühl, aber St. Martini war die Ratskirche, in der die Ratsherren sich vor den Ratssitzungen am Montag zur Andacht versammelten. Heutzutage versammeln sie sich zu Fraktionssitzungen im Rathaus.

Rang und Bedeutung von St. Martini lagen aber nicht nur im Ratsgestühl und in Ratsandachten, sondern hängen zusammen mit der Gründung der Kirche und ihrer Funktion.

Mit Sigebert von Minden fing alles an. Wer aber war Sigebert?
Er war ein Sproß aus einem sächsischen Hochadelsgeschlecht und der 16. Bischof von Minden, der das Bistum von 1024 bis 1036 leitete. Sigebert und seine Nachfolger residierten in Minden. Ihre Residenz und bischöfliche Verwaltung lagen im Dombezirk; ihre Adresse wäre heute: Großer Domhof 1-2!

Oberhalb des Domes wurde Sigebert schon bald nach Übernahme des Bischofsamtes 1022 in bestimmter Weise aktiv: Er gründete ein Kollegiatstift! Diese bischöfliche Gründung steht im Kontext deutscher Reichsgeschichte.
Konkret heißt das:
Die Gründung des Martinistifts in Minden erfolgte vor dem Hintergrund des Aufstiegs des fränkischen Salier zu deutschen Königen und Kaisern des Heiligen Römischen Reichs.

Das Königtum der Salier begann mit einer politischen Krise, die Bischof Sigebert von Minden löste. Die sächsischen Adeligen waren als Königswähler der Wahl Konrads 1024 in Kamba bei Oppenheim aus Protest ferngeblieben und forderten, dass der zukünftige König in das sächsische Stammesgebiet komme, um zunächst das besondere Sachsenrecht zu bestätigen, und versprach, ihn danach zum König zu wählen.

Sigebert von Minden hatte Erfolg. Sowohl Konrad als auch der sächsische Hochadel kamen nach Minden. So wurde Weihnachten 1024 Konrad II. in Minden nachträglich zum König gewählt. Erst nach der Huldigung der Sachsen in Minden war Konrad endgültig als König anerkannt und hatte damit alle Herrschaftsrechte und die Voraussetzung für die Kaiserkrönung in Rom erworben, die 1027 erfolgte.

Konrad II., der ein zweites Mal nach Minden kam, wusste, was er Sigebert von Minden verdankte. Der hatte schon bald mit der Vorbereitung der Gründung des Martini-Stifts begonnen, die um 1026 erfolgt sein muß.

Anschließend bat Sigebert den inzwischen gekrönten Kaiser um eine kaiserliche Bestätigung für die bischöfliche Stiftungsgründung, da privates Grundeigentum Sigeberts, Grundeigentum des Bistums Minden und im geringen Umfang sogar bisheriges Reichsgut bzw. Königsgut an den Stiftungskonvent übereignet worden waren, damit aus den Einkünften der Lebensunterhalt der Stiftsherren abgesichert werden konnte.
Und tatsächlich bestätigte Konrad II. und mit ihm seine Gemahlin Gisela die Gründung des Martinistifts und dessen übertragenen Güterbesitz zwischen Hunte und Leine, d.h. in der gesamten Diözese Minden mit zwei Kaiserurkunden. Eine Urkunde stellte er 1029 in Regensburg aus und die andere 1033 in Merseburg; an beiden Orten waren königliche Pfalzen. Beide Urkunden garantierten dem neuen Stift St. Martini und seiner Kirche den besonderen kaiserlichen Schutz. Beide Urkunden sind die ältesten Dokumente von St. Martini Minden. Die Urkunde von 1033 ist im Original mit dem Siegel des Kaisers und seinem Monogramm erhalten und wird im Staatsarchiv Münster verwahrt. Der Kirchenbau von St. Martini wurde allerdings erst zur Zeit Bischof Eilberts (1055 - 1080) vollendet. An die Leistung beider Bischöfe Sigebert und Eilbert erinnert ein mittelalterlicher Gedenkstein im Altarraum dieser Kirche. Beide sind in dieser Kirche beerdigt. Auch das zeigt den besonderen Rang des Kollegiatstifts St. Martini und der Martinikirche.

Über Bedeutung des Stifts und Funktion seiner Kirche ist in beiden Kaiserurkunden nichts gesagt. Man wusste im 11. Jahrhundert, was Stiftsherren zu tun hatten. Ein Kollegiatstift bestand aus Priestern und Diakonen, also aus Seelsorgern. Und damit unterschied es sich fundamental von einem Benediktinerkloster mit seiner Ordensregel, die die Abgeschiedenheit und Trennung der Mönche von der Welt vorschrieb.

Mönche eines Klosters hatten mit der Seelsorge draußen im Lande oder in der Stadt nichts zu tun. Stiftskanoniker dagegen sehr wohl. Die Seelsorge war ihre Hauptaufgabe! Seelsorge war auch die Hauptaufgabe der Kanoniker des Martinistifts Minden schon vor der Weihe ihrer Kirche. Ihr Seelsorgebereich wurde ihnen vom Dom zugewiesen bzw. vom Bischof an sie abgetreten.

Die neue Pfarrei St. Martini des 11. Jh. reichte vom Mindener Weserufer bis nach Eickhorst und Hille, d.h. bis an die Grenze der Urpfarrei St. Andreas Lübbecke und umfasst die Siedlung Minden und alle Dörfer bis zur Grenze vor Nettelstedt.
Wenn auch die neue Pfarr- und Taufkirche an der Peripherie ihres Pfarrbezirks lag, sie lag zugleich am Bischofssitz, am Diözesanmittelpunkt, einem Verkehrsknotenpunkt und in einem wichtigen Handels- und Fernhandelsplatz.

Zum bischöflichen Selbstwertgefühl und zur Darstellung kirchlicher Zentralität gehörte ein Bischofssitz, der möglichst schon städtischen Charakter hatte und mehrere Kirchen aufweisen konnte. Das war im Minden des 11. Jh. nicht anders:
Neben dem Dom St. Petri et Gorgonii gab es St. Aegidius, St. Blasius et Maria, St. Simeon, St. Martinus und St. Johannis bapt.. Nicht überall gab es ständig oder überhaupt Gottesdienste für das Volk, für die Laien.
Der Dom hatte vermutlich keinen eigenen Pfarrbezirk mehr, St. Aegidius verlor seine Eigenschaft als Pfarrkirche im 13. Jh., St. Marien bekam in der Nachfolge von St. Aegidien im 13. Jh. Pfarrrechte, St. Simeonis auch nicht früher und die Marktkirche St. Johannis wurde nie Pfarrkirche.

Die St. Martinikirche war aber von Anfang an, also seit dem 11. Jh. sowohl Stifts- als auch Pfarrkirche. Sie war neben der 1530 zerstörten Aegidienkirche im Brühl die älteste Pfarrkirche Mindens. Ihr Pfarrbezirk erstreckte sich im 11. Jh. weit nach Westen über die werdende Stadt Minden hinaus.

Ihre Bedeutung wird aber auch durch besondere Vorrechte und Sonderfunktionen des Stifts St. Martini sichtbar.
Schon im 11. Jh. verlieh Bischof Eilbert dem Propst des Stifts das Recht, in Minden, das damals schon als Civitas bezeichnet wurde, und in der ganzen Pfarrei St. Martini bischöfliche Rechte auszuüben, das geistliche Gericht abzuhalten, den bischöflichen Bann auszuüben, Pfarrer einzusetzen, also Funktionen in Seelsorge und Kirchenverwaltung, die im übrigen Bistum erst 200 Jahre später auf Mindener Domherren übertragen wurden, die man dann Archidiakone nannte.

Im 12. Jh. verlieh Bischof Anno (1170 – 1185) dem Martinistift das Recht, anstelle des Bischofs von Minden den Marktzoll von den Händlern auf dem Mindener Markt zu erheben.
Der jeweilige Stiftspropst war ein geborenes Mitglied des Domkapitels Minden.

Reichliche Einnahmen des Stifts aus seinem Grundbesitz, seinen Privilegien, Stiftungen und Schenkungen führten im Mittelalter zu Überschüssen, die Gewinn bringend angelegt wurden. Im 13. Jh. gehörten neben Adelsvertretern auch schon Bürgersöhne zu den Stiftsherren. Die meisten befassten sich inzwischen mit Geldgeschäften des Stifts: Rentengeschäften, Pfandleihen, Kreditvergabe. Das Wort „Zinsen“ wurde unterschlagen.
Ein Christ durfte offiziell keine Zinsen nehmen.
Andere Stiftsherren hatten Nebeneinkünfte, z.B. aus Schreibarbeiten im Rathaus.
Die Stadtschreiberei, das Sekretariat des Rates, ist aus der Tätigkeit geistlicher Herren hervorgegangen, zunächst als Leiharbeiter, dann fest angestellt! Als das katholische Martinistift 1531 die ev. Stadt aber vor Gericht verklagte, war es mit den schreibenden Stiftsmitgliedern im Rathaus vorbei.

So viele weltliche Tätigkeiten führten zu vielen Kontakten, Beziehungen, Einflussmöglichkeiten, allerdings weniger im Bereich der Seelsorge in der Pfarrei St. Martini. Dort hatte man Stellvertreter eingesetzt: die Plebane; diese aber hatten ihrerseits Stellvertreter eingesetzt: Kapläne oder Vizekuraten. Deren Lohn war ebenso kümmerlich wie ihre Seelsorgetätigkeit.

Die „Stellvertreterkirche“ ließ ihre gläubigen Pfarrkinder im Stich, viele wandten sich ab.
Ab 1520 kamen neue religiöse Erkenntnisse in die Stadt, 1530 kam der religiöse Umsturz:
Die Stiftsherren nannten ihn Ketzerei, die Bürger nannten den Umsturz „klare Verkündigung der Heiligen Schrift“. Es war die Reformation.
Der Kultus in dieser Kirche wurde gegen den Willen des Eigentümers, d.h. des Martinistifts geändert und aus der katholischen Messfeier wurde der ev. Predigtgottesdienst!

Am 13. Februar 1530 wurde im Auftrag des Rates in dieser Kirche eine ev. Kirchenordnung verkündet. Sie war die erste ev. Kirchenordnung einer Stadt in Westfalen, die für alle Bürger der Stadt verbindlich war. Die darin beschlossene Gründung einer Lateinschule wurde das erste ev. Gymnasium Westfalens.

Das katholische Stift St. Martini reagierte nicht mehr mit theologischen Argumenten, sondern mit Interessen als Besitzstandswahrer. Da es nicht nur das Hausrecht an der Martinikirche, sondern auch einen großen Teil seiner Gebäude, Einkünfte und Ansprüche verloren hatte, weil die Protestanten den Begriff Kirchengut enger und zu ihren Gunsten definierten, zogen die Martiniherren, begleitet vom Johannisstift und dem Mauritiuskloster vor das Reichskammergericht und verklagten die ev. Stadt Minden und ihre Bewohner als Ketzer wegen Kirchenraub, Landfriedensbruch und Ungehorsam gegenüber dem Kaiser.

Das Ergebnis ist bekannt: Da die Stadt Minden weder ihr ev. Bekenntnis aufgeben noch Kirchengut zurückgeben wollte, wurde schließlich am 9. Oktober 1538 durch Kaiser Karl V. feierlich die Reichsacht über die Stadt und ihre Bewohner verhängt. Reichsacht bedeutete vollständige Zerstörung der Stadt, Vertreibung der Einwohner und straffreier Totschlag der Vertriebenen.
Vor dem Reichskammergericht war das Martinistift siegreich, aber das Urteil konnte nicht durchgesetzt werden. Der Kaiser brauchte wegen Türkischer Bedrohung auch die protestantischen Reichsfürsten zur Zahlung von sog. Türkensteuer und norddeutsche katholische Reichsfürsten zeigten wenig Interesse an der Durchführung der Reichsacht in Minden.

In Minden hatte sich aber längst eine selbstständige ev. luth. Stadtkirche entwickelt, die neben der altgläubigen bischöflichen Amtskirche entstanden war, der in der Stadt die Pfarrkinder abhanden gekommen waren. Sie waren nun ev. Gemeindemitglieder von St. Simeonis, St. Marien und St. Martini. Theologischer Leiter der neuen Kirche wurde der Stadtsuperintendent, und damit des nicht zu teuer wurde, war er gleichzeitig erster Pfarrer an St. Martini!

Nachfolger von Nikolaus Krage in dieser Position wurde der Theologe Gerhard Oemeken. Dieser Martinipfarrer unterschrieb als Stadtsuperintendent die Schmalkaldischen Artikel Martin Luthers von 1537, die zu den Bekenntnisschriften der ev. luth. Kirchen in Deutschland zählen.

Bis zum Westfälischen Frieden 1648 waren die Stadt Minden und die Mindener Martinikirche in alle Ereignisse und Entwicklungen der Kirche und Konfessionen, der Politik des Reiches und der benachbarten Territorien und Städte, in Krieg und Frieden involviert, aktiv beteiligt oder passiv betroffen.

Nach 1648 verlief die Geschichte dieser Kirche durchaus nicht spannungsfrei, aber synchron mit der Geschichte der Stadt, des Staates und des Reiches und natürlich auch mit der allgemeinen Kirchengeschichte.

Dabei blieb St. Martini auch über die folgenden Jahrhunderte ein bedeutendes Wahrzeichen der Stadt und der Kirche, ein Denkmal der Geschichte, des Kultus, der Kunst und Kultur.
Wenn also der Zeitgeist oder die Leute, die ihn artikulieren, bei einer alten bedeutenden Stadtkirche mit den Begriffen Soll und Haben, Kosten und Nutzen kommen und die Frage stellen:
Wie viele Kirchen braucht das Land?
Dann können wir entgegnen: St. Martini auf jeden Fall!

Sie ist Zeuge und Zeugnis der christlichen Prägung unserer Vergangenheit. Ihre Funktion ist es, weiterhin die geistliche, geistige, humane und kulturelle Mitte dieser Stadt zu sein. Sie steht für ein Jahrhundert Stadt- und Kirchengeschichte. Die Frage nach Kostenhöhe und Nutzungsintensität geht bei solchen Denkmalen ins Leere.

Vor einiger Zeit fragte der Verfasser eines Leserbriefes in der Zeitschrift „Chrismon“ zum Thema Kirchenerhaltung:
„Ist eigentlich die intensive Nutzung eines Kulturdenkmals die eigentliche Legitimation für seine Erhaltung? Wird etwa der römische Limes vom Rhein zur Donau noch heute militärisch intensiv genutzt?“

Für die Kirche St. Martini Minden wird es hoffentlich auch in Zukunft keinen Zweifel an der Notwendigkeit des Erhaltens und Bewahrens geben.

Die Ratskirche St. Martini steht nicht nur in der Stadt Minden, sie ist auch ein Teil von Minden; seit 33 Generationen. Ihre Geschichte zeigt beispielhaft den Zusammenhang von Kirche und Welt, jedenfalls in der Vergangenheit. Die Allgemeingültigkeit dieses Zusammenhangs hat Leopold von Ranke formuliert. Er beginnt seine „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation“ mit dem Satz:
„In Schule und Literatur mag man kirchliche und politische Geschichte von einander sondern, in dem lebendigen Dasein sind sie jeden Augenblick verbunden und durchdringen einander“.

Diese Koinzidenz von Kirche und Welt wollte ich am Beispiel St. Martini aufzeigen.
Mögen die Verantwortlichen der Ev. Kirche künftig immer hören, was die Glocke von St. Martini geschlagen hat, und mögen die Verantwortlichen der Stadt nicht nur Glocken hören, sondern auch wissen, wo sie hängen.

Videant consules, sowohl die der Kirche als auch die der Stadt!


Die Stiftung


Die Stiftung "Baudenkmal Ratskirche St. Martinikirche zu Minden" ist gegründet worden zum Zwecke der Beschaffung finanzieller Mittel. Diese werden ausschließlich zur Erhaltung und Unterhaltung sowie Erneuerung des Baudenkmals einschließlich seiner Kunstschätze und Ausstattungen eingesetzt.

Sie ist eine allgemeine rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts im Sinne des Stiftungsgesetzes Nordrhein-Westfalens.Nach einem Schadenskataster aus dem Jahre 2002 fehlen allein zur Restaurierung des Außenmauerwerkes und des Daches des Baudenkmals "Ratskirche St. Martini" 1,7 Millionen Euro. Die Finanzkraft der Kirchengemeinde reicht bei weitem nicht aus, solch Kostenhöhe aufzubringen. Dafür wurde die Stiftung gegründet, um langfristig durch Spenden und Unterstützungen diese Kostenlast durch viele Hände tragbar zu gestalten und das Baudenkmal der Allgemeinheit zu erhalten.
Der offizielle Gründungsfestakt zur Errichtung der Stiftung fand am 17.11.2006 in der St. Martinikirche statt. Den Erststiftern wurde die Stiftungsurkunde für Mindens Ratskirche durch einen Vertreter der Bezirksregierung überreicht. Am Festakt nahmen etliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Politik, Kirche, und Wirtschaft und Verwaltung, wie der Bürgermeister der Stadt, teil.

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